Die Begriffe stehen im Raum, in den Nachrichten, auf Plakaten: „Linksextremismus“. „Rechtsextremismus“. Zwei Pole, zwei Seiten – beide radikal, beide gefährlich? Wer das so stehen lässt, macht es sich zu einfach. Denn zwischen rechter und linker Radikalität liegen nicht nur ideologische Unterschiede, sondern auch reale Unterschiede in Gewalt, Vernetzung, Wirkung und öffentlicher Wahrnehmung.
Fangen wir bei den Zahlen an. 2024 wurden in Deutschland über 84.000 politisch motivierte Straftaten registriert. Davon fast 34.000 mit rechtsextremem Hintergrund. Linksextrem motivierte Straftaten: rund 4.200. Das ist kein Zahlenspiel – das ist ein Verhältnis von 8:1. Und doch wird in der Debatte häufig von einem angeblich „symmetrischen Problem“ gesprochen.
Rechtsextremismus zielt auf die Errichtung eines ethnisch homogenen Staates. Er arbeitet mit Rassismus, Antisemitismus, Verschwörungsideologie und historischer Relativierung. Linksextremismus hingegen strebt die Abschaffung kapitalistischer Strukturen und staatlicher Institutionen an – oft unter Berufung auf soziale Gerechtigkeit, aber ebenfalls unter Einsatz von Gewalt, vor allem gegen Sachen, Symbole und Vertreter staatlicher Macht.
Die Methoden unterscheiden sich: Während Rechtsextreme Menschen bedrohen, verfolgen oder töten – siehe NSU, Halle, Hanau –, greifen Linksextreme häufiger zu Sachbeschädigung, Blockaden oder Angriffen auf politische Gegner, vor allem bei Demonstrationen. Personengefährdende Gewalt gibt es auf beiden Seiten, aber die Rechtsextreme Szene ist systematischer, strukturierter – und besser vernetzt.
Und doch scheint die öffentliche Wahrnehmung mit dieser Asymmetrie nicht klarzukommen. Linke Gewalt wird oft als „Protest“, rechte Gewalt als „Einzelfall“ behandelt – bis etwas passiert, das nicht mehr wegerklärbar ist. Erst dann wird beobachtet. Erst dann wird reagiert.
Was die Sicherheitsbehörden tun? Beobachten. Gruppierungen auflisten. Gefährdungslagen bewerten. Mal früher, mal später. Und währenddessen verlagert sich die Gewalt längst in Räume, die keiner kontrolliert – digital wie physisch. Die einen agieren still, die anderen laut. Die einen organisieren sich, die anderen explodieren spontan. Beide gefährlich – aber eben nicht gleich.
Was wir brauchen, ist keine Gleichmacherei. Sondern Unterscheidungsfähigkeit. Und Ehrlichkeit.
Denn die Frage ist nicht: Gibt es auf beiden Seiten Extremismus?
Die Frage ist: Wer hat Interesse daran, sie gleich aussehen zu lassen?



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