Titelbild mit dem Brandenburger Tor vor EU-Flagge und der Überschrift „Neuvermessung der Macht: Wenn Europa zur Führungsnation wird“, darunter Klartextzone-Logo.

Neuvermessung der Macht: Wenn Europa zur Führungsnation wird

Lange war die Welt in zwei große Blöcke geteilt: Die USA als selbsternannter Weltpolizist auf der einen Seite, China als aufstrebende Supermacht auf der anderen. Europa? War meistens irgendwo dazwischen. Zu abhängig von amerikanischer Sicherheit, zu zerstritten in inneren Fragen, zu träge in geopolitischer Strategie. Doch 2025 wirkt plötzlich alles anders. Und diese Veränderung passiert nicht in aller Stille – sondern im Schatten lauter Konflikte, ungelöster Kriege und machtpolitischer Neuausrichtungen.

Donald Trump ist zurück im Weißen Haus. Als 47. Präsident der Vereinigten Staaten hat er klar gemacht, was er von Europa hält: wenig. Die NATO? Für ihn ein Club von Schmarotzern. Friedensverhandlungen? Am liebsten mit Russland unter Ausschluss der Europäer. Eine Sicherheitskonferenz in der Türkei? Erst groß angekündigt, dann abgesagt. Trump handelt nach dem Prinzip „America First“, was übersetzt längst bedeutet: „The rest can go to hell.“

Doch genau das scheint Europa nun wachzurütteln.

Die Wiederentdeckung der Eigenständigkeit

Plötzlich zeigt sich: Die EU will mehr sein als nur ein Wirtschaftsraum. Inmitten der Krise wächst der politische Wille, sich nicht länger von Washington abhängig zu machen – militärisch, wirtschaftlich und strategisch. Und ausgerechnet das Vereinigte Königreich, das sich mit dem Brexit scheinbar von Europa entfernt hatte, kehrt in sicherheitspolitischen Fragen zurück an die Seite des Kontinents. Initiativen wie die „Joint Expeditionary Force“ oder das neue Weimar-Plus-Format mit Großbritannien, Italien, Spanien und Polen sprechen eine klare Sprache: Europa bereitet sich auf eine Welt vor, in der die USA kein verlässlicher Partner mehr sind.

Friedrich Merz, seit Mai 2025 deutscher Bundeskanzler, macht in seiner Regierungserklärung keinen Hehl daraus: Die EU muss führen – wirtschaftlich, sicherheitspolitisch, aber auch wertebasiert. Er spricht von einer modernen Bundeswehr, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und dem Willen, Verantwortung zu übernehmen. Ein anderer Ton, entschlossener, klarer.

Trump, Deals und die Schwächung multilateraler Strukturen

Während Europa neu sortiert, verfolgt Trump seine altbekannte Strategie: Geld über Diplomatie. Im Nahen Osten sichert er sich massive Investitionen in Billionenhöhe, ohne Rücksicht auf demokratische Standards. Internationale Organisationen wie die UNO oder der IWF spielen für ihn keine Rolle mehr – es zählen Deals, nicht Prinzipien. Und Partner, die zahlen.

Das bringt kurzfristig Erfolge, zementiert aber langfristig den Vertrauensverlust in eine regelbasierte Weltordnung. Multilaterale Bündnisse werden ausgehöhlt, Verbündete gegeneinander ausgespielt.

China und die BRICS: Das alternative Machtzentrum

China hingegen spielt das lange Spiel. Mit Investitionen in Höhe von über 1,4 Billionen Dollar bis 2030 im KI-Sektor will das Land nicht nur technologisch führend werden – es will die Spielregeln neu schreiben. Gemeinsam mit Russland, Indien, Brasilien und Südafrika wurde das BRICS-Bündnis massiv erweitert. Iran, Indonesien, Nigeria – allesamt Länder mit geopolitischem Gewicht – sind nun Partner. BRICS repräsentiert bald die Hälfte der Weltbevölkerung und über 40 % der globalen Wirtschaftsleistung (kaufkraftbereinigt).

Diese Allianz ist mehr als ein Gegenentwurf zum Westen. Sie ist eine Herausforderung an die westliche Deutungshoheit – wirtschaftlich, politisch und ideologisch.

Eine multipolare Welt – oder das Ende westlicher Dominanz?

Europa steht an einer historischen Weggabelung. Es kann sich entscheiden, ob es Zuschauer bleiben will – zwischen einem unberechenbaren Amerika und einem strategisch agierenden China – oder ob es zum dritten Pol wird. Ein Pol, der für Menschenrechte, Souveränität und Zusammenarbeit steht – aber auch für Wehrhaftigkeit, technologische Unabhängigkeit und globale Präsenz.

Das aktuelle Momentum spricht dafür, dass Europa diesen Anspruch erhebt. Noch nie war der Wille zur Führung so sichtbar, die Abgrenzung von Washington so konkret und der Schulterschluss innerhalb Europas so klar. Doch Willen allein reicht nicht. Es braucht Konsequenz. Es braucht Mut.

Unbequeme Frage zum Schluss:

Ist Europa wirklich bereit, die Welt zu führen – oder gefällt es sich nur in der Rolle des moralisch überlegenen Besserwissers, solange andere die Drecksarbeit machen?

Quellen:

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